Dennis Krauß  |  Regie  |  Presse

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DER LEBENSLAUF DES BOXERS SAMSON-KÖRNER

„[...] Ein Mensch steht auf der Bühne und erzählt vom Boxen und vom Leben, während er sich ankleidet. Wer aber meint, das wäre langweilig, weil außerordentlich handlungsarm (was es tatsächlich ist!), sieht sich völlig getäuscht. [...] Mit nur wenigen reduzierten Gesten, vor allem aber mit der Stimme gibt er dem Text Fülle und zudem Witz. Er trifft den Ton des Erzählten, mal leicht schnoddrig, mal leicht angeberisch. Es ist der Ton von einem, der sich mit leeren Händen hochkämpfen musste. Eine Lebensgeschichte, die nicht wie in der Mittelklasse von Selbstverwirklichung und individualisiertem Konsum geprägt ist, sondern von Not, Entbehrung und auch Härte. [...] Regie führte Dennis Krauß, der sich nun rühmen darf, eine Brecht-Uraufführung zustande gebracht zu haben [...] Entstanden ist ein bestechender Auftritt von einer Stunde Länge. [...] Ein Solokampf, der begeistert."
Jakob Hayner, Theater der Zeit, Heft 01/2019


„[…] In einem etwa einstündigen Monolog des Schauspielers Oliver Kraushaar in der Rolle Samson-Körners wird dieser Text nun im Kleinen Haus des Berliner Ensembles unter der Regie von Dennis Krauß zum Leben erweckt. Johanna Meyers Bühne ist so schlicht wie möglich gehalten: Samson-Körner steht vor einer knapp vier Meter hohen, runden Scheibe, einem mal gleißend hellen, dann dämmernden brechtschen Mond. Der Boxer erzählt aus seinem Leben, anfangs nur mit einer Unterhose bekleidet, sich dann im Lauf der Zeit langsam ankleidend. Er macht die Lebenserfahrungen begreifbar, die sich in jeder Biografie irgendwann trügerisch zu Lektionen verdichten: ein überlegener Gegner, ein Aufenthalt im Gefängnis, eine Frau. Boxen, das sei schon ein besonderer Sport, sagt Samson-Körner: weil man ihn nicht spielen könne. Fußball, das könne man spielen, Boxen nicht. Er hat eine Philosophie des Boxens gefunden und damit seine eigene Existenzphilosophie. Wer diesen kurzweiligen, starken Abend gesehen hat, der versteht, was Brecht an Samson-Körner mochte."
Felix Müller, Berliner Morgenpost, 03.11.2018


„[…] Diese inszenatorische Zurückhaltung, die völlige Konzentration auf den Ausnahmedarsteller Oliver Kraushaar und auf eine exakte Sprachregie trifft genau den Punkt. Kraushaar findet scheinbar mühelos den richtigen Ton. Die Schnoddrigkeit des Boxers, der ohne Wehleidigkeit von schwierigsten Begebenheiten erzählt, kommt überzeugend rüber. Die Tempowechsel, die wohl überlegten Pausen, das genaue Erinnern und überstürzte Rausrotzen des Textes zeigen großes schauspielerisches Können. […] Man fühlt sich klug und gut unterhalten. »Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner« hat beste Chancen, ein Publikumserfolg zu werden. Verdientermaßen."
Erik Zielke, Junge Welt, 05.11.2018


„[…] Wir sitzen im Berliner Ensemble und sehen und hören dem beeindruckenden Schauspieler Oliver Kraushaar zu, wie er als Samson-Körner vor einem Papiermond steht und eine atemlos intensive Stunde lang erzählt, wie er zum Boxer wurde."
Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung, 04.11.2018

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CALIGULA

„[…] Das Verlangen nach dem Unmöglichen trägt das Ideendrama des französischen Schriftstellers und Philosophen. In der Box des Frankfurter Schauspiels hat Dennis Krauß es nun auf den existentialistischen Punkt gebracht: Caligulas Logik ist tödlich. Zusammen mit seiner Dramaturgin Valerie Göhring hat der junge Regisseur das ausufernde Personenverzeichnis auf fünf Figuren reduziert. Das genügt, um Camus Gehör zu verschaffen. […] Helicon, ein Vertrauter des Kaisers, hält eine elektische Gitarre in Händen, mit der er gelegentlich wispert, aber auch viel Radau macht. […] Mit ihrem durchdringenden monotonen Geräuschpegel überdeckt sie bisweilen die Stimmen der Schauspieler. Zugleich zwingt die auditive Tortur den Zuschauer in die Rolle des Zuhörers. Es sieht so aus, als habe der Regisseur sich von seinem Kollegen Ulrich Rasche inspirieren lassen. Je quälender der anschwellende Lärm, desto fukussierter spitzen sich die Ohren des Publikums dem Text entgegen. […]"
Claudia Schülke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2017


"Ein finsterer Raum, Wände aus geschwärztem Wellblech, der Boden ist mit Asche bedeckt. Fünf junge Schauspieler, angetan mit grafisch applizierten weißen Tuniken, mehr oder weniger den ganzen Abend über in einer gereihten Aufstellung. Es ist eine Situation des aufkommenden Weltenbrandes gewesen, in der Albert Camus 1938 sein erstes Drama „Caligula“ verfasst hat. […] Es ist jene Sorte hermetischer Inszenierung, bei welcher der Mitschnitt als Hörspiel taugen würde. Ohne Unterlass spielt David Hirst, […] auf der elektrischen Gitarre einen Soundtrack aus atmosphärischen, bisweilen auch perkussiven Klängen, mit Schichtungen im Loopverfahren. Die Inszenierung – eine gute Stunde braucht sie nur für den komprimierten Vierakter – bleibt laborhaft kühl. […] In ihrer Art wirkt sie ausgeklügelt; die Figuren sind bei Camus nicht mehr als Ideenträger, insofern entspricht die glasklare szenische Sprache der Vorlage. […]"
Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau, 27.03.2017


"[…] Als eine solche Revolte inszeniert Dennis Krauß seine Version von Camus’ Gedankenspiel. Björn Meyer als Caligula sagt gleich zu Beginn, dass er den Mond (Sinnbild für das Unerreichbare) wolle und dass er nicht verrückt sei. Wie er da ruhig steht und spricht, wird klar, dass er seine Taten aus der Erkenntnis ableitet: „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“. Eine Träne rinnt Meyer die Wange hinunter. Später wird er sich wie ein Kind auf der Suche nach Liebe oder Geborgenheit an die weise Caesonia (Yodit Tarikwa) schmiegen oder, als sei er zu schwer geworden, seinen Kopf auf die Schulter von Scipico (Alex Friedland) legen. Es sind wenige kurze Momente, in denen Krauß seinen Figuren gestattet, in seinem bewegungskarg inszenierten Sprachdenkstück Emotionen körperlich darzustellen. […] Und Krauß scheint den Moralphilosophen Camus noch im Verzicht auf Dramatik überbieten zu wollen. So viele absurde Freiheiten, wie sie sich Caligula nimmt, so wenig Freiheiten gönnt Krauss seinen Spielern. […]"
Astrid Biesemeier, Frankfurter Neue Presse, 27.03.2017


"[…] Eine Aufführung von eherner formaler Strenge. […]  Glasklar ist sie, dabei auch laborhaft kühl […]"
Sebastian Hansen, Offenbacher Presse, 27.03.2017


"[…] Ist auch der Abend überwiegend eine reine Textrezitation, machen dies die fünf Darsteller sehr gut. Und Ensemblemitglied Björn Meyer hat in der Titelrolle des intellektuellen und nihilistischen Verbrechers sehr viel Text, den er facettenreich, von leisem Flüstern bis zum wütenden Schreien vermittelt. Yodit Tarikwa (Caligulas Geliebte Caesonia), ebenfalls Mitglied des Ensembles, hat immer eine starke Präsenz, so auch hier. Ihre Blicke vermittelt selbst ohne viel Worte ganze Geschichten. Gereift wirkt auch Justus Pfankuch, der mit schroffen Anklagen den Patrizier Cherea gibt. Er ist Mitglied im SCHAUSPIELstudio, wie auch Alex Friedland (Dichter Scipico, dessen Vater von Caligula umgebracht wurde). Als Gast gibt David Hirst den freigelassenen Sklaven Helicon. Der aus Berlin kommende Hirst wirkt hier in erster Linie aber als Fingerstyler und Gitarrist, sein Spiel wird teils bruchstückhaft als Schleife ein- und von ihm überspielt. Es bildet trotz aller Schlichtheit einen abwechslungsreichen und faszinierenden Klanghintergrund.
Langer, intensiver Applaus für diesen kurzweiligen Erzählabend."
Markus Gründig, Kulturfreak.de, 27.03.2017

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DIE GOLDENE GANS

Altes Thema neu präsentiert
„[…] Eine sympathische schräge und sehr dynamische Inszenierung […] / Unter der Regie von Dennis Krauß ist eine flotte, mit feinen Pointen gespickte Inszenierung entstanden, die von der ersten Minute an fesselt. Mit anrührenden Bildern ebenso wie mit temporeichen Sequenzen. Ein großer Spaß nicht nur für die Kleinen, der bei der Premiere mit minutenlangem Applaus im Stehen gelohnt wurde.“
Dieter Kögel, Hanau-Post/Offenbach-Post, 06.06.2016


„Gier nach Glanz ist Firlefanz“
„[…] Autor Tobias Bungter und Regisseur Dennis Krauß (haben) mit ihrer neuen Adaption des Märchen-Klassikers „Die Goldene Gans“ einen Volltreffer gelandet. Das Familienstück punktet mit witzigen, modernen Dialogen, tollen Tanzeinlagen und Musik, und als i-Tüpfelchen einer grandiosen schauspielerischen Leistung des gesamten Ensembles. […] / Erfrischend moderne Dialoge, ein modernes Bühnenbild und überraschende Auftritte (…) erzählen das Grimm-Märchen noch einmal ganz neu. Dass dies sowohl bei den großen als auch bei den kleinen Zuschauern ankommt, zeigt der tosende Applaus am Ende der Vorstellung – einfach ein „übertrieben“ gutes Stück.“
Jasmin Di Cara, Hanauer Anzeiger, 06.06.2016


Alles ein bisschen anders
„[…] Mit der pfiffigen Adaption von Tobias Bungter (…) sind die Brüder Grimm Festspiele im digitalen Zeitalter angekommen. Die dritte Premiere (Regie-Debütant: Dennis Krauß) überzeugte als Familienstück, das mit ganz neuen Ansätzen viel Spaß bereitete. […] / Kostümbildnerin Ulla Röhrs hat hier fabelhafte Arbeit geleistet […] / Florian Rast überzeugt als sympathischer Loser […] Am Ende wird es richtig spannend im Amphitheater. […]“
Doris Huhn, Main-Echo, 06.06.2016


Klamauk und schräge Figuren
„[…] (Autor Tobias Bungter und Regisseur Dennis Krauß) …halten sich an den im Originalmärchen vorgegebenen Inhalt und dekorieren ihn mit vielen Gags, netten Ideen und schrägen Figuren.[…]“
Luise-Glaser Lotz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2016


Die an der Gans kleben bleiben
„[…] Überzeichnet aber urkomisch […] / Das Ensemble ist durchweg mitreißend (spitzenmäßig: Oliver Dupont als König/Graues Männlein) […] Das Publikum dankt mit viel Applaus für den kurzweiligen Abend […]“
Elena Müller, Frankfurter Rundschau, 06.06.2016

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BÉRÉNICE

25. APRIL 2014, Christopher Ramm unter unruheimoberrang.net
Hätte, hätte, Fahrradkette – Racines Bérénice und der Moderne Mensch
 
Titus, Kaiser von Rom, liebt Bérénice, die Königin von Palästina. Doch der Liebe steht die römische Staatsräson entgegen. Eine Fremde auf dem Thron des römischen Reiches? Unvorstellbar! Auch der Dritte im Bunde, Antiochus, bester Freund des Titus sowie engster Vertrauter und stiller Liebhaber der Bérénice zerbricht an den ganz großen Konflikten Macht, Liebe und Gesellschaft. Das studentische Theaterkollektiv*metafaust nimmt sich im Ackerstadtpalast des französischen Klassikers Bérénice an und schafft es dabei, Jean Racines Metaphysik derEntscheidungsfindung zu untersuchen. Und Racine, der “Goethe Frankreichs”? Der wird gleich zu Beginn neben die Bühne gestellt.
Die Bühne ist ein großer, zum Publikum hin schräg abfallender Holzkasten. Nach hinten wird sie durch den tatsächlich kolossalen Schriftzug „ROM“ abgeschlossen. Ansonsten gibt es einen Plattenspieler und den anscheinend obsolet gewordenen Stücktext Racines, den Daniel Ristau, in der Rolle des Titus, mitsamt Notenständer demonstrativ neben die Bühne stellt, wo er den Rest des Abends im Abseits verbleibt. Neben dem pointierten Einsatz von Musik, wie “Rome wasn’t built in a Day” sind es immer wieder gekonnt überzeichnete Textpassagen, die dem Abend Leichtigkeit und Tempo verleihen. Es ist klug, sich Racines gewichtigem Liebesdrama mit Brechts epischer Spielweise anzunähern. Durch die von Brecht geforderte Distanz zwischen Schauspieler und Rolle, verliert sich die Inszenierung nicht in einer realistischen Ausgestaltung der Einzelschicksale der Figuren. Vielmehr bietet Regisseur Dennis Kraus dem Publikum das, was der Name des studentischen Kollektivs *metafaust quasi verspricht: eine Untersuchung des Stückes auf der Metaebene. In seiner 1670 uraufgeführten Tragödie verabschiedet Jean Racine bereits auf der Höhe der französischen Klassik, das Bild des epischen Helden, der selbstbestimmt über sein Leben verfügt. Die Figuren in Bérénice haben kaum noch Einfluss auf ihr bereits vorbestimmtes Schicksal und scheinen wie gefangen in dramaturgischen Bögen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Die drei Protagonisten bei *metafaust fallen weniger einem unentrinnbaren Schicksal zum Opfer, sondern lassen sich ein paar Jahrhunderte später wohl als Kinder der “Generation Maybe” bezeichnen. Das studentische Kollektiv illustriert dieses gesellschaftliche Symptom mit einem Meer buntfarbener Post-it-Zettel, die Titus, Bérénice und Antiochus an die drei Buchstaben Roms heften. Immer wieder wird dann der Ausbruch gewagt:
“Ich könnte ja eine Fernbeziehung führen.”“Ich könnte ja meine Ermordung faken.”“Ich könnte ja, könnte ja, könnte ja…”
Trotz aller Komik dieser ad absurdum getriebenen Möglichkeitsmetastasen, erinnern die Überlegungen, in denen sich die Protagonisten immer dann verstricken, wenn sie dem Text entkommen zu scheinen, stark an großstädtische Diskussionen über Karriere und Zukunft. “Warum bin ich noch hier, ich habe doch tausend Möglichkeiten”, fragt sich Antiochus (Simon Andreas), unfähig der unerfüllten Liebe zu Bérénice (Susann Mertz) zu entfliehen. Klingt da nicht der im Angesicht endloser sozialer Angebote verzweifelnde Großstädter mit? Im rasenden Stillstand grenzenloser Entscheidungsfreiheit kommt dann auf einmal wieder eine totgeglaubte Sehnsucht zum Vorschein: Das stets unterdrückte und doch leise pochende Verlangen nach Struktur und Ordnung. Obwohl die Dekonstruktion in Kulturkreisen zum guten Ton gehört, besonders wenn sie auf dem hohen Niveau von *metafaust stattfindet, ist da der Wunsch nach Fixpunkten und Orientierung. Es kommt zur Rückbesinnung auf die Klassiker, zum Schon-Gehabten, zum Stücktext neben der Bühne. Die Ausbrüche der Schauspielenden enden immer wieder mit einem Sprint zum fast schon vergessenen Notenständer.“Stopp, Racine!” oder “Ist das überhaupt im Text?” – Beruhigend soufflieren die Schillers und Goethes und Racines dann wieder aus dem Off. Unfähig zu einem Entschluss zu kommen gibt es keine Sieger, keine Verlierer, keine Geliebten. Titus bleibt Kaiser von Rom, Bérénice geht zurück nach Palästina und Antiochus fügt sich seinem Schicksal als ewiger bester Freund. Am Ende bietet auch der Selbstmord keine wirkliche Ausflucht aus der Misere.
Das studentische Kollektiv *metafaust schafft es, die 1506 Alexandriner Jean Racines in einer rundum gelungenen Inszenierung auf die heutige Gesellschaft und ihre Unmenge an Handlungsoptionen umzudichten. Der Abend im Ackerstadtpalast hält in allen Belangen, was *metafaust verspricht, nämlich “schonungslos mit der Vorlage sowie der eigenen Lebensrealität um[zu]gehen.”

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ORFEO ED EURIDICE

aus der Rezension von Ingo Bossan von www.berlin-kulturtip.de
 
Es riecht nach frischer Erde in der Villa Elisabeth. Doch der Geruch weht nicht vom nahen Friedhof der St.-Elisabeth-Kirchengemeinde herüber. Eine Schicht Humus bedeckt das Podest, auf dem gleich eine alte Geschichte neu erzählt werden soll: Der Orpheus-Mythos.
[...] 3. Akt
Eine Leiter führt von der Galerie der Villa Elisabeth auf die immer noch erdbedeckte, nun recht karg mit wenigen Stühlen, einem Tisch und einer Mülltonne möblierte Bühne. „Welcome to Elysium“ wirbt ein Banner. Bedeutende Persönlichkeiten fristen hier ihr „elysisches“ Dasein, geprägt von Langeweile, Untätigkeit, Alkoholkonsum: Marilyn Monroe, Ernest Hemingway, Vincent van Gogh, Kurt Cobain. Was sie berühmt gemacht hat (Pinsel und Farbpalette, Schreibmaschine, Gitarre, Medikamente), ist im Abfallbehälter gelandet. Vergeblich versucht Euridice (Alexandra Koch), sie dazu zu bewegen, sich wieder ihren Künsten zu widmen. Ebenso vergeblich bleiben Orfeos (Amanda Martikainen) Versuche, Euridice aus diesem zweifelhaften Paradies wieder ins irdische Leben zu holen. Ihr Wunsch, Orfeo möge sie anschauen - hier eher als ein nervtötendes Nörgeln vorgetragen - führt zur Katastrophe: Orfeo gibt auf, kann sich nicht mehr wehren, schaut sie an, verstößt gegen das Verbot der Götter. Alles war vergebens, nun verliert er sie für immer. Euridice nimmt sich ein Beispiel an Marilyn und schluckt jede Menge Tabletten, bricht zusammen auf der Mutter Erde. Anlass für Orfeo, sein berühmtes „Che farò senza Euridice“ zu singen, wieder ganz Künstler. Als solcher sieht er plötzlich seinesgleichen um sich, fühlt sich zuhause, verbündet sich mit ihnen, kann sie überreden, sich auf ihre einstigen Fähigkeiten als Maler, Schriftsteller, Musiker, Star zu besinnen. Kein Ort, an dem Euridice bleiben möchte. Sie rafft sich auf, verlässt das „Elysium“, steigt die Leiter hinauf zur Galerie. Der Kreis schließt sich – was wird Euridice oben tun (oder unten), ohne den einst geliebten Gatten, ohne Künstler? Geht nun alles von vorn los?
 
Die Beschreibung dessen, was an diesem Abend zu sehen war, muss bruchstückhaft bleiben. Drei Handschriften, drei Sichten auf eine archetypische Konstellation. Drei Versuche junger Leute, sich 250 Jahre nach Gluck und Calzabici mit deren Interpretation und ihren eigenen Assoziationen dazu auseinanderzusetzen. Mit den begrenzten, überwiegend klug genutzten Möglichkeiten von Bühne (Claus Althaus, Christina Godelmann, Bühnenbildstudierende der TU), Licht (Frank Kviatkovsky) und Kostümen (Carla-Luisa Reuter, Studierende der Kunsthochschule Weißensee), ist interessantes, über weite Strecken fesselndes Theater entstanden. [...]
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WAS IHR WOLLT

Überwindung von Grenzen
Fast ein Dutzend Ständerglühbirnen beleuchten die rote Arena im Tempodrom. Sie sind vielseitig einsetzbar, mal als Kerzenersatz, mal als Mikrofon, mal als Rettungsanker, mal als Orientierungshilfe. Und die ist bitter nötig für die Protagonisten in der Verwechselungskomödie von Shakespeare „Was ihr wollt“. Der Zwilling Viola wird nach einem Schiffsunglück auf eine Insel gespült. Ihr Bruder Sebastian gilt als ertrunken. Viola verkleidet sich als Mann Cesario, um eine Stellung als Diener bei Orsino zu bekommen. Der ist in die Gräfin Olivia verliebt. Doch diese verguckt sich in den angeblichen Jungen Cesario. Viola wiederum in ihren Herrn. Erst als Sebastian auftaucht, naht das Happy-End. Das Regietrio aus Tristan Braun, Dennis Krauß und Susanne Westenfelder der Hanns Eisler Hochschule sprüht über vor Ideen um das Liebes- und Geschlechterverwirrspiel auf der Insel Illyrien. Sie wechseln so schnell zwischen den Geschlechtern, Rollen und Zeiten wie zwischen den Musikstilen. Mal dröhnt Pop aus dem Lautsprecher, dann erklingen elisabethanische Klänge und dann wieder Madonna aus dem Mund der Sopranistin. Die Sänger sind hier zugleich Schauspieler und die Regisseure springen lustig mit auf der Bühne herum. Einmal versucht sich Tristan Braun sogar als Ausdruckstänzer, wenn er als Malvolios Spiegelbild diesen in einem Selbstgespräch überredet, dass Olivia ihn so gerne in gelben Strumpfhosen sehen wolle. Aus der Besetzung der Olivia mit der Riesin Vera Maria Kremers, die sich ausgerechnet in die winzige Elif Aylin Süslü als vermeintlichem Cerasio verliebt, schlägt die Crew humoristisches Kapital. Georg Bochow glänzt als stimmgewaltiger Countertenor und vielseitiger Darsteller. Eine Arbeit des 2. Semesters Regie im Rahmen der 50. Musikwerkstatt, die von der Überwindung der Grenzen erzählte, diese auch auf die Regieeinfälle übertrug und dabei glänzend unterhielt.
 
Birgit Schmalmack vom 18.7.12
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